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Auf den Spuren der Renée Vivien

Maria-Mercè Marçal

SCHLUSSMONODIE

London, 11. Juni 1877 – Paris, 18 November 1909

In der Zukunft, grau wie eine ungewisse Morgendämmerung, wird sich eine, das weiß ich ganz genau, an uns erinnern, wenn sie über der bernsteinfarbenen Ebene die roten Augen des Herbstes glühen sieht. Ein Wesen zwischen all den Wesen auf dieser Erde, oh Wollust, wird sich erinnern. Eine Frau, die auf den Stirn das süße und ungestüme Geheimnis tragen wird. Sie wird den feinen, weichzeichnenden Nebel lieben und die Olivenbäume, schön wie das Meer, die Schneeblume und die Gischt, die Nacht und den Winter. Sie wird bei ihrem Abschied Küsten und Flußufer traurig zurücklassen, und sie wird die heilige Liebe der Jungfrauen erfahren. Denn nichts ist süßer als die Liebe... Ich verschmähe den Wein, verachte den Honig, ich will nur noch den Geschmack der Küsse. Weder das Zittern des Wassers noch die Wolkenwirbel des Himmels gleichen dem Wogen deines Körpers in meinem Bett. Ach, dieser Duft, ach das Gift deiner Lippen, giftige Blumen. In deinen Augen spiegelt sich der Himmel Mytilenes.

Eine Frau, das weiß ich genau, wird sich an uns erinnern.

Oh, das Schaudern des Nackens, auf dem mein Atem brannte, oh, der Schatten des Flaums, auf deine Lippen zurückgeworfen, oh die Schönheit ebenbürtiger Lippen in einem liebevollen Kuß. Unsere Herzen ähneln einander in unserer weiblichen Brust, Geliebte, unsere Körper sind gleich beschaffen. Dasselbe drückende Schicksal hat auf unserer Seele gelastet. Ich bin mehr als nur die deine. Ich bin du selbst. Ich übertrage das Lächeln und den Schatten deines Gesichts. Meine Sanftheit ist wie deine große Sanftheit. Trotz der herausfordernden, wilden Heftigkeit allen Begehrens und seiner latenten Grausamkeit wäre mein Mund nicht fähig, den deinen mit groben Bissen zu bedecken. Lausche dem sanften Gemurmel dieser von mir geliebten Stunde, die vergeht, flieht und stirbt in einem Gedicht ... Ich glaube, mein Schmerz ist der einer anderen ... Ich sehe das Leben wundersam lachen, in meinem Innersten breitet sich die Helle der Sterne aus ... Schwindelnd erreiche ich die Sterne ... kehre zur Liebe zurürck, die alle Dinge, die sie umgeben, zu Gold werden läßt, zum Zauber des Gedichts, zum zärtlichen Lachen ...

Oft fürchte ich nichts als das Vergessen.

 

 

MARÇAL, Maria-Mercè. Auf den Spuren der Renée Vivien. Traducció de Theres Moser. Viena: Milena, 1998, p. 379-380.

Translated by Theres Moser
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